SPIEGEL-Bestseller-Autor

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»Den Namen Ben Berkeley sollte man sich merken.«

Krimi-Couch

Vier Jugendliche, zwei Mädchen, ein Traum: Der größte Coup aller Zeiten!


Wie vier Jugendiche die größten Geldfälscher der Welt wurden.

Basierend auf einer wahren Geschichte aus dem Silicon Valley.

Der neue Roman von SPIEGEL-Bestseller-

Autor Ben Berkeley.


Erhältlich als Paperback, als E-Book oder als ungekürzte Lesung.



Nach einer wahren Geschichte

»Eine fesselnde Geschichte.«

WDR 2 über »Das Haus der tausend Augen«

»Ein wirklich bemerkenswertes Erstlingswerk.«

Krimi-Couch über »JUDASWIEGE«

XXL-Leseprobe aus CASH CLUB

Prolog


»Nicht alles Bahnbrechende im Silicon Valley begann in einer Garage; in unserem Fall war es Stans Kinderzimmer.«

Brian O’Leary


»Wir wohnten in einer Wohnwagensiedlung, meine Mutter arbeitete im Paradise Club. Was glaubst du, hatte ich für eine Wahl?«

Alexander Piece

»Alles, was ich wollte, war Football spielen. Es war alles, was ich wirklich gut konnte. Bis auf die Sache mit den Pistolen.«

Stanley Henderson


»Nicht alles, was im Valley in einer Garage angefangen hat, war im Nachhinein betrachtet eine grandiose Idee. Einige der Technikenthusiasten wurden die größten Tyrannen von allen. Und denen gehörte mal in den Hintern getreten. Das sehe ich übrigens noch heute so.«

Joshua Bandel

Kapitel 1


September 1997

Palo Alto, Kalifornien


Brian O'Leary


Brian fragte sich, was schlimmer war: arme Eltern zu haben oder auszusehen wie er. Er warf einen Blick auf die Zahlen, die er mit seinem neuen Füller auf dem Karopapier notiert hatte. Dreiundfünfzig Prozent der Mädchen waren größer als er. Und null Prozent der Jungs hatten rote Haare. Außer ihm. Aber mit Lebensunglück konnten die Investoren im Silicon Valley so wenig anfangen wie die Autoindustrie in Detroit mit dem Klimaschutz: Jeder war seines Glückes Schmied, war das Mantra des Valley. Jeder konnte Unternehmer werden, wenn er nur wollte. Nirgendwo gab es mehr Risikokapital als zwischen Palo Alto und Mountain View. Mehr Risiko allerdings auch nicht.


Demzufolge und wegen der Kohle ihrer Eltern waren die Schulen im Valley, insbesondere die besseren, die brutalsten Laufstege nach New York und Paris. Und die Gunn High war die beste staatliche Schule von allen. Period. Punkt. Aus.

Brian seufzte und starrte auf sein Mäppchen, während der Lehrer ihnen den Stundenplan erläuterte als wäre es die Heilige Schrift. Als Brian nach dem Füller griff, stellte er fest, dass seine Hände zitterten. Und schweißfeucht waren sie auch noch. Während er sie an den Hosentaschen abwischte, fragte er sich, wovor er eigentlich Angst hatte. Dreiundfünfzig Prozent der Mädchen waren größer als er. Ein nicht zu leugnender Fakt. Come on Brian, sagte er sich. Das bedeutete immerhin, dass siebenundvierzig Prozent kleiner waren. Was kein Trost war sondern blanke Statistik, die seinen Schweißfilm nicht trocknen ließull §. Er brauchte einen Zaubertrick. Er hatte noch niemals so dringend einen Zaubertrick benötigt wie an diesem ersten Schultag auf der Gunn High.


Brian ließ einen verstohlenen Blick durch die Reihen schweifen und landete bei dem Jungen, der direkt neben ihm saß. Dem Stipendium. Man sah das sofort, weil er Turnschuhe vom Wühltisch bei Walt Mart trug und ein T-Shirt ohne Markenaufdruck. Das Stipendium hieß Alexander Piece, was Brian wusste, weil ein sorgfältig von Mutterhand beschriftetes Namensschild an seinem Rucksack baumelte. Vermutlich kosteten die Bücher darin ein halbes Monatsgehalt der Familie Piece. Bücher waren nicht Bestandteil der Stipendien für besonders begabte Schüler. Und deswegen war es möglicherweise doch besser, Eltern mit Geld zu haben als besonders gut auszusehen.


Keine halbe Stunde später geschah das erste Unglück dieses Schultags: Ein weiß-grauer Vogel verfing sich in den Metalldrähten der Taubenabwehr auf dem Fenstersims. Mister Brewster zerrte an den dürren Beinen, während die armselige Kreatur panisch mit den Flügeln schlug. Ihr neuer Klassenlehrer tat das in bester Absicht, natürlich um das Tier zu retten. Die Frage, warum eine von Naturfreunden gegründete Schule die Drähte überhaupt installiert hatte, war einer dieser kalifornischen Widersprüche, die nicht hinterfragt werden wollten. Und Palo Alto war das Herz des Silicon Valleys, wo sich die knallharten Kapitalisten für die größten Tierfreunde hielten. Brian befürchtete schon, dass Mister Brewster dem Vogel bei seiner Rettungsaktion mindestens einen Flügel gebrochen hatte. Was sich jedoch in dem Moment als Fehlannahme erweisen sollte, als Alexander Piece der Taube und dem Pädagogen zu Hilfe eilte und das Tier schließlich dankbar von dannen flatterte.

Das Stipendium lief zurück zu seinem Platz als sei nichts weiter geschehen. Eher lässig. Die Mädchen kicherten. Sie hatten sich für diesen Tag herausgeputzt: Sie trugen die Haare als hochgebundene Zöpfe und nicht wenige hatten neonfarbenen Nagellack aufgetragen. An ihren Ohrläppchen hingen farblich passende, dünne Plastikringe und an ihren Füßen baumelten wahlweise braune oder blaue Bootsschuhe. Es war der Valley-Chic der Mitte-Neunziger. Die Jungs waren entweder noch Skater oder schon Grunger und Surfer. Oder sie spielten besser Football. Letztere waren die Männer, für die sich die Mädchen mit den Bootsschuhen interessierten. Über die sie tuschelten. Im Eck neben den Spinden hinter vorgehaltener Hand und auf den Treppen. Das war schon auf der Middle School nicht anders gewesen. Die Sache mit den Mädchen hing über ihren füull Ÿnfzehnjährigen Köpfen wie ein drohendes Gewitter. Und mit jedem Jahr, das verging, wurde Brian schmerzlicher bewusst, dass er klein und rothaarig war. Wie sein Vater. Es nützte einem selten, wenn man schlauer war als die meisten. Es würde auch dem Stipendium nichts nützen, obwohl Alex Piece aussah als müssten ihm die Mädchen zu Füßen liegen mit seinen dunklen strubbeligen Haaren und den grünen Augen. Ein Grunger, weil er keine Wahl hatte. Seine Klamotten aber würden alles zunichte machen – also die Tatsache, dass seine Eltern keine Kohle hatten. Was ungerecht war aber darwinsches Gesetz. Das darwinsche Gesetz des Stärkeren ließ fünfzehnjährige Hände schwitzen, erkannte Brian.

Schließlich wanderte sein Blick von den Mädchen zu einer Bank in der ersten Reihe, deren Besetzer er nur zu gut kannte: Stan »The Man« Henderson. Weiberheld. Der beste Runningback seiner Middle School. Einer von denen, der die Mädchen abbekam. Nein, korrigierte sich Brian: Der, der die Mädchen bekam.

»Pssst«, flüsterte eine Stimme von hinten.

Brian beobachtete, wie lässig Stan auf seiner Bank lehnte. Leicht seitlich, leicht unaufmerksam. Überlegen. »The Man« war anderthalb Köpfe größer als Brian. Und so in etwa ließ sich ihr Verhältnis definieren. Er spürte den Blick von Josh, bevor er sich zu ihm umdrehte. Er wusste, was er ihm sagen wollte. Dies ist eine neue Runde, Brian. Wir können immer noch gewinnen. Joshua Bandel war sein bester Freund.

»Beeindruckender Thriller.«

amazon TOP-500 Rezensent über »Das Haus der tausend Augen«

Kapitel 2


Mai 1998 (ein gutes halbes Jahr später)

Palo Alto, Kalifornien


Stanley Henderson


Stan Henderson hasste wenig mehr als den Computer Club am Donnerstagnachmittag. Aber auf der Gunn High war es ein soziales Event wie die jährliche Theateraufführung füull Ÿr ihre Eltern. Man ging hin, um gesehen zu werden. Das Schlimmste war, dass Ashley den Computerclub mochte. Nein, das Allerschlimmste war, dass es ihr nicht nur gefiel, gesehen zu werden, sondern dass sie sich tatsächlich für die Maschinen interessierte. Für das Internet, das die Nerds wie Brian und Josh anhimmelten als wäre es die Verkündung. Just in diesem Moment saßen sie vor einem Bildschirm und hörten eine Radiosendung von WXYC über den Netscape. Stan lehnte an der Wand und versuchte, möglichst unbeteiligt auszusehen, was ihm nicht sonderlich schwerfiel. Das musste man sich mal vorstellen: Die Jungs ereiferten sich über die Radiosendung, nur weil sie im Internet gesendet wurde. Und Ashley mittendrin. Er betrachtete ihren süßen Hintern und fragte sich, wann er sie endlich soweit hatte. Gegenüber Alex hatte er schon vor Wochen Vollzug vermeldet, inklusive einer schwer glaubhaften Geschichte über ein erstes Mal mit der ernsthaften Ashley. Überhaupt war Alex der Einzige, der sich ebenso wenig für Computer interessierte wie er. In diesem Moment lehnte er an der Wand auf der gegenüberliegenden Seite des Raums, und Stan hatte das Gefühl, dass er zu ihm herüberstarrte. Manchmal fühlte er sich regelrecht unwohl in Alex' Gegenwart. Was vielleicht daran liegen mochte, dass er sein einziger ernsthafter Konkurrent in Sachen Ashleys erstem Mal war. Oder daran, dass er sehr gut starren konnte. Oder daran, dass er vermutlich der Schlauste von allen war.

Die Gunn High vergab Stipendien nicht ohne Grund. Stan wusste nicht genau, woher sein Unbehagen stammte, aber er war keiner von denen, die sich gerne Gedanken machten. Er war froh, dass in diesem Moment die Tür aufging. Der unausweichliche Josh stürmte herein, wie immer ein wenig zu hektisch und ein wenig zu laut. Er knallte seine Schultasche auf einen der Tische und entnahm ihr ein mysteriöses Paket. Dann setzte er sich an einen der Computer und zückte einen dicken Packen CD-ROMS. Brian, der bis in letzter Sekunde noch Feuer und Flamme für die WXYC-Sendung gewesen war, sprang auf. Die Joshua Bandel Show konnte beginnen. Wie Stan das hasste. Sein Vater war einer dieser Tech-Millionäre und arbeitete bei Apple oder Adobe oder Microsoft oder wer weiß wo. Die Eltern hatten Geld wie Heu und, was hier im Valley noch viel wichtiger war, immer Zugang zum neuesten Spielzeug. Tech Porn nannten sie das auf der Gunn High. Und Josh war hier ebenso ein Star wie Stan, wenn er vom Runningback den Ball bekam. Niemand kriegte ihn zu Boden. Niemand stoppte Stan The Man. Niemand stoppte den Mamzer, wenn es um Tech Porn ging. Fuck it.

»Du hast es?«, fragte Brian, und Stan kam es vor, als ob er andächtig flüsterte. Wie in der Kirche.

Josh nickte ätzend beiläufig und legte die CD-ROM ins Laufwerk. Der Computer begann zu summen. Auch Ashley schob ihren Apfelpo vor den Bildschirm. Der Apfel tendierte eindeutig in Joshs Richtung. Stan musste jetzt alle Mühe aufwenden, an seiner Wand stehen zu bleiben. Selbst »Piece«, wie Alex Piece mittlerweile von allen genannt wurde, hatte seinen Stammplatz verlassen und gesellte sich zu den anderen. Die Traube hinter dem durchgesessenen Bürostuhl, auf dem Josh saß, wurde immer größer. Zehn, zwölf, fünfzehn Schüler und drei Mädchen, Ashley in der ersten Reihe - natürlich.

Brian pfiff durch die Zähne als der Bildschirm das Logo von Windows 98 anzeigte, das frühestens in vier Monaten erscheinen würde. Zum Kotzen. Übelkeit. Machtlosigkeit. Krampf. Josh konnte einfach alles besorgen. Stan musste Ashley klarmachen. So schnell wie möglich.

»Ein heißes Thema. Ein brisantes Buch.«

buchbord.de über »Das Haus der tausend Augen«

Kapitel 3


August 1998 (drei Monate später)

Palo Alto, Kalifornien


Joshua Bandel


Joshua Bandel schloss die Haustür auf, streifte seine Turnschuhe ab und schmiss seinen Rucksack mit den Unterlagen vom Sommercamp achtlos daneben. Er ging in die Küche und warf als Erstes einen Blick in den Kühlschrank. Maria hatte dieses Spinatgericht mit Eiern und Kartoffeln gemacht, auf dem seine Mutter bestand. Josh wusste, dass sie viel lieber Tortillas gegrillt hätte. Was sie zum einen viel besser konnte und was zum anderen Josh wesentlich besser geschmeckt hätte. Seine Mutter hatte einen horrenden Fitnessfimmel entwickelt. Jeden Abend tanzte sie vor dem Fernseher zu Cindy Crawford im Bikini und verlangte von den beiden Männern in ihrem Haushalt eine strikte Diät. Es war kaum auszuhalten. Es ging zu weit. Josh griff nach einem Tetrapack Orangensaft und gab der Kühlschranktür einen Tritt, als es plötzlich an der Haustür klingelte. Es war Viertel nach fünf, seine Eltern waren nicht vor sieben oder halb acht zu erwarten. Außerdem würden sie nicht klingeln. Vermutlich brachte ein Lieferant ein neues Fitnessgerät oder eine Kiste Wein. Beides kam ungefähr gleich häufig vor. Josh seufzte und lief zur Tür.

»Was geht ab?«, fragte Alexander Piece und grinste. Sein verschrammtes Fahrrad lehnte an einer der Säulen auf der Veranda, was höchst verboten war und seinem Vater einen Herzinfarkt bescheren konnte. Wegen der englischen Farbe (Charleston Grey), die sündhaft teuer und unverschämt empfindlich war.

Josh grinste: »Hey, Piece«, sagte er.

»Nette Hütte«, sagte Piece und ließ seinen Blick einmal über die Villa im noblen Viertel nördlich der University Avenue streifen. Es wirkte nicht vorwurfsvoll, mehr wie eine Feststellung. Was sollte er dazu sagen? Alex gegenüber schämte er sich für das Geld seiner Eltern. Das war neu.

Josh nickte.

»Komm rein«, sagte er.

Piece schubberte mit den Sohlen seiner Schuhe über die kratzbürstige Fußmatte.

»Du musst sie ausziehen«, entschuldigte sich Josh.

Piece zuckte mit den Schultern und stellte seine Schuhe ordentlich neben Joshs und den daneben geworfenen Rucksack. Entgegen aller seriösen Voraussagen hatte Alex keine Löcher in den Socken.

»Kein Grund, besonders ordentlich zu sein«, sagte Josh. »Ist eh keiner da.«

Piece lief ins Wohnzimmer und blieb vor dem großen Bang & Olufsen Fernseher stehen.

»Kein Grund, ausgerechnet heute zur Schlampe zu werden«, sagte Piece.

Josh grinste, obwohl er sich ärgerte, weil er die Schlampe als Vorwurf empfand. Eine Zurechtweisung, die er nicht einmal seiner Mutter durchgehen ließe.

»Willst du einen O-Saft?«, fragte Josh. Alex Blicke wanderten durch den lichtdurchfluteten Raum mit den hellen Vorhängen und den weißen Fliesen. Er ließ sich nichts anmerken.

»Klar«, sagte Piece. Josh trat den Weg in die Küche an und spürte, dass Piece ihm folgte. Alex lehnte sich lässig an den Küchenblock mit dem Herd und der Spüle während Josh einen Orangensaft eingoss.

»Das ist also der Grund, warum sie dich Mamzer nennen«, sagte Piece, als er das Glas entgegennahm, und deutete mit dem Kopf auf den Teller mit Spinat und den hartgekochten Eiern, die gegen die Frischhaltefolie pressten.

»Sie nennen mich Mamzer?«, fragte Josh. Mamzer war Jiddisch und bedeutete soviel wie Hurensohn oder Findelkind.

»Natürlich«, sagte Piece.

Joshs wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Trauer und Wut wechselten im Millisekundentakt. Er blickte zu Boden. Seine Emotionen waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

»Mach dir nichts draus«, sagte Piece. »Was glaubst du, was sie über mich reden?«

Josh atmete aus. Sie redeten viel über Piece. Sein Stipendium. Das Gerücht, dass seine Mutter und er in einem Trailerpark lebten und dass sie Hundefutter fraßen, weil sie sich nichts anderes leisten konnten. Und dass seine Mutter eine Saufnase war. Mamzer. Findelkind. Sie hatten ja recht, dass sich seine Eltern im Vergleich zu anderen kaum um ihn kümmerten. Andererseits war das auch nicht notwendig. Josh kam gut alleine zurecht. Und er hatte den Eindruck, dass es Piece nicht anders ging.

»Was willst du?«, fragte Josh schließlich.

»Etwas Geschäftliches mit dir besprechen«, sagte Piece.

Etwas Geschäftliches?, fragte sich Josh. Das war ein anderes Kaliber.

»Dafür gehen wir nach oben«, sagte Josh ernsthaft.

Wenn Piece extra nach dem Sommercamp zu ihm nach Hause radelte, war das einen ordentlichen Besprechungsraum wert.

»Ein großartiger, spannender Polit-Thriller.«

Nisnis's Bücherliebe über »Das Haus der tausend Augen«

Kapitel 4


August 1998 (zur gleichen Zeit)

Belmont, Kalifornien


Alexander Piece


Alex trat in die Pedale. Der Fahrtwind trieb ihm die Strähnen aus dem Gesicht und die Apfelbaumfelder flogen links und rechts vorbei. Er fand, dass der erste Teil seines Plans gut gelaufen war. Aber Josh war nur ein Viertel des Puzzles, das er zusammenzusetzen gedachte. Das Problem war nicht das Geld, das man selbst nicht hatte, sondern das Geld der anderen. Die viel davon hatten. Zu erkennen, dass er Geld brauchen würde, wenn er auf der Gunn High auf Dauer bestehen und nicht nur koexistieren wollte wie ein geduldeter Symbiont, dafür musste man kein Genie sein.

Die Bremsen quietschten bedenklich, als er den Hügel zu dem kleinen Platz außerhalb von Belmont hinunterfuhr. Belmont, nicht Palo Alto. Natürlich nicht. Leute wie seine Mutter gehörten nicht in die noblen Orte im Valley. Nicht nach Mountain View, nicht nach Sunnyvale. Und eben schon gar nicht nach Palo Alto. Pulsierendes Herz der ersten Milliardärsgeneration des Hightech-Zeitalters. Inkubator. Brutstätte des großen Geldes. Der Himmel auf Erden. Der beste Platz auf dem ganzen Planeten. Würde Captain Picard die Erde zum ersten Mal besuchen, wüsste er genau, wo La Forge ihn hinbeamen müsste.

Für Alex Piece bedeutete sein Traum, jeden Tag zwölf Meilen mit dem Fahrrad zur Schule fahren zu müssen. Vierundzwanzig Meilen hin und zurück für die fixe Idee vom besseren Leben. Von Zukunft. Es war unfassbar hart gewesen, das Gunn-Stipendium zu bekommen. Zumal er seine Bewerbung selbst hatte organisieren müssen. Sein Vater existierte in Alex' Welt nicht und seine Mutter. Nun ja. War nun einmal seine Mutter.


Eine Stunde später zog er sein Fahrrad über die schmale Leiter auf das Dach ihres Hauses, das nicht viel größer war als die liegengebliebenen Wohnwagen, die es auch in der Siedlung gab. Immerhin zu festen vier Wänden hatte es seine Mutter gebracht. Nur die Gegend war mies. So mies, dass man es keinesfalls riskieren konnte, das Fahrrad vor dem Haus anzuschließen. Auf dem Rückweg sprang Alex von dem niedrigen Dach und legte die Leiter flach auf den Boden.

»Mom?«, fragte er, als er die Tür öffnete. Der zweite Türrahmen mit dem Moskitonetz schlug gegen das Holz.

»Hallo Alex«, sagte seine Mutter, die in einen Bademantel gehüllt in der Küche stand. »Wie war die Schule?«

In Moms Welt gab es keinen Sinn für eine Unterscheidung zwischen Schulzeit und Sommercamp. Sie hatte größere Probleme. Alex warf seine Schultasche auf das abgewetzte Sofa. Auf der umgedrehten Bierkiste mit der Sperrholzplatte und der sorgfältig darüber drapierten Tischdecke stand eine Batterie Nagellacke.

»Nicht der Rede wert«, sagte Alex, drehte den Wasserhahn auf und füllte ein Glas.

»Ich habe Gumbo gemacht«, sagte seine Mutter. Alex drückte ihr einen Kuss auf die Wange und fächelte mit der Hand über dem Topf herum.

»Riecht lecker, dein Hühnchen«, sagte Alex und meinte es ehrlich. Es gab keinen Menschen, der es schaffte, mehr aus dem Wenigen zu machen, was sie hatten, als seine Mutter. Sie war eine Kämpferin.

»Du gehst arbeiten?«, fragte Alex als sie vor zwei dampfenden Tellern mit scharfem Eintopf saßen.

»Mmmmh«, stimmte seine Mutter zu. »Natürlich gehe ich arbeiten, Alex.«

»Okay«, sagte Alex.

Seine Mutter seufzte und griff nach seiner Hand. Sie wusste, dass ihm nicht gefiel, was sie tat. Obwohl er nicht einmal so genau wusste, was sie tat. Offiziell zumindest. Sie arbeitete als Tänzerin, sagte sie. Alex war ihr nachgefahren. Verteilt auf fünf Abende. Jeweils so lange, wie es ihm gelang, mit dem Fahrrad an dem rostigen Camry dranzubleiben.

»Ist schon okay, Mom«, sagte Alex. Der Laden, in dem sie arbeitete, hieß Paradise Club und sah nicht wie das Paradies aus. Alex war jung aber nicht gerade auf den Kopf gefallen.

»Brauchst du Geld für die Schule morgen?«, fragte Mom.

»Nein«, log Alex. »Ich komme schon zurecht. Mach dir um mich keine Sorgen.«

Bald musste sie das vielleicht wirklich nicht. Sein Plan war nur ein winziger erster Schritt. Aber wenn es funktionierte. Wenn es ihnen wirklich gelang, dann konnten sie ganz andere Projekte in Angriff nehmen.

Seine Mutter räumte die Teller ab und griff nach dem Schwamm neben der Spüle. Alex trat neben sie und hielt die Hand auf.

»Lass mich das machen«, sagte er. »Du ruinierst dir doch nur deine Nägel.«

Seine Mutter stellte die Teller in die Spüle und stemmte die Arme in die Hüfte: »Manchmal denke ich, man müsste dich vermöbeln, Alexander Piece«, sagte sie. »Wegen ausufernder Frechheiten gegenüber einem Erziehungsberechtigten.«

»Wieso?«, fragte Alex. »Sind denn deine Fingernägel nicht unser bestes Kapital?«

Seine Mutter riss ihm den Schwamm aus der Hand und tat so, als ob sie nach ihm werfen wollte. Sie lachte. Und dann sagte sie: »Und dann denke ich wieder, dass sich keine Mom einen besseren Sohn wünschen kann.«

»Ich liebe dich auch Mom«, murmelte Alex Piece, nachdem seine Mutter im Bad verschwunden war. Und er meinte es ehrlich. Er würde alles daransetzen, die anderen von seinem Plan zu überzeugen. Denn mit Josh alleine war es nicht getan. Sein Plan war zu groß für zwei Einzelkämpfer.


Zwei Wochen später war es endlich soweit, gerade noch rechtzeitig bevor die Schule wieder anfing und damit die alltäglichen Probleme. Die konstituierende Sitzung würde heute Nachmittag stattfinden. In Stans Kinderzimmer. Alex hatte alle in Einzelgesprächen bearbeitet. Trotzdem war er nicht sicher, ob alle mitmachen würden, wenn er die Katze aus dem Sack ließ. Schließlich ging es nicht gerade darum, beim Nachbarn ein paar Äpfel zu stibitzen. Sondern um eine ernsthafte Geschäftsidee.

Alex schloss sein Fahrrad vor dem Obstladen von Stans Eltern an eine Laterne. Es gab zwei Gründe, warum Stans Kinderzimmer der ideale Ort für ihr Treffen war: Zum einen waren keine Erwachsenen zu erwarten, denn die arbeiteten in ihrem Laden im Erdgeschoss, und zum zweiten vergötterten Stans Eltern ihren Sprössling, weil sie ihn für den hübschesten (seine Mutter) und vernünftigsten (sein Vater) Jungen von ganz Palo Alto hielten. Zumindest Letzteres würde Alex zu ändern versuchen - natürlich ohne dass es seine Eltern jemals erfahren würden.

Josh und Brian saßen auf dem Sofa wie Unkraut und schienen sich unwohl zu fühlen. Man konnte nicht gerade behaupten, dass sie seine engsten Freunde waren. Auch das gedachte Alex zu ändern. Stan warf einen Football in die Luft, was keinen Sinn ergab. Alex räusperte sich.

»Wollt ihr was trinken?«, fragte Stan. »Ich hab O-Saft und ich weiß, wo der Wodka steht.«

»Wir sollten nüchtern bleiben«, mahnte Alex.

Stan zuckte mit den Schultern. Josh und Brian nahmen den Saft.

»Also, was soll das alles?«, fragte Stan.

»Ich möchte euch ein Geschäft vorschlagen«, sagte Alex.

»Ein Geschäft?«, fragte Stan.

»Ein Geschäft«, bekräftigte Alex. Er blickte in die Runde. Josh, der als Einziger bereits in den Plan eingeweiht war, grinste.

»Was sagt Euch der 19. Mai 1999?«, fragte Alex.

Brian hob die Hand: »Episode I!«, rief er.

»Du brauchst nicht die Hand zu heben«, sagte Alex. »Aber 100 Punkte für die richtige Antwort: Am 19. Mai nächstes Jahr läuft das größte Star-Wars-Event seit Han Solo herausgefunden hat, wer sein Vater ist.«

»Und?«, fragte Stan, der immer noch den Football zur Decke warf und wieder auffing.

»Glaubt Ihr, dass WKZN wieder Karten für die Premiere verlost?«, fragte Josh.

Schlaues Kerlchen, dachte Alex. Auf dich kann man sich verlassen. Er half ihnen auf die Sprünge. Es war genau das, worauf Alex hinauswollte.

»Klar«, sagte Stan. »Alle werden wieder Karten verlosen. Und ich werde wieder bei allen Gewinnspielen mitmachen und trotzdem ohne Karte dastehen.«

Alex nahm Stan den Football aus der Hand. »Das glaube ich nicht«, sagte er.

»Doch«, sagte Brian. »Weil jeder die Karten will. Und weil wir dann auf dem Schwarzmarkt wieder das Doppelte bezahlen können, nur damit wir überhaupt mitreden können.«

Alex ließ den Football auf seiner Hand um die eigene Achse kreisen, starrte ins Leere und wartete, bis sich die allgemeine Frustration gelegt hatte.

»Wie hast du das gemeint?«, fragte Stan. »Dass du glaubst, dass wir diesmal an Karten kommen?«

»Ich glaube nicht, dass wir an Karten kommen«, entgegnete Alex. »Ich weiß es.«

»Und wie sollen wir das anstellen?«, fragte Brian.

»Ja Mann«, pflichtete ihm Stan bei. »Wie soll das gehen, Piece?«

Alex lächelte: »Genau das ist doch das Geniale an dem Geschäft, das ich euch vorschlagen will: Es springt nicht nur Profit für uns raus, sondern auch noch Premierenkarten für die große Schlacht auf Naboo.«

»Lass hören«, sagte Josh. Er tat so, als hätte er keine Ahnung. Vermutlich hatte er sogar seinem besten Freund und Nerdkollegen Brian nichts erzählt. Alex hielt das für eine sehr gute Taktik.

»Ist es … illegal?«, fragte Brian vorsichtig.

»Nicht im engeren Sinn des Wortes«, antwortete Alex wahrheitsgemäß. »Es ist ungefähr so wie die Sache mit Clinton.«

»Monica Lewinsky?«, fragte Stan, der seit ein paar Monaten alles, was zwei Brüste hatte, mit vollem Namen kannte.

»Genau die«, sagte Piece.

»I did not have sexual relations with that woman«, sagte Josh und imitierte die nasale, brüchige Stimme des Präsidenten. Alex formte mit Daumen und Zeigefinger eine imaginäre Zigarre. Da lachte selbst Stan und behauptete, ein Geschäft dieser Größenordnung sei ohne einen zumindest winzigen Schluck Wodka im Orangensaft nicht zu besprechen. Alex stimmte ihm zu, weil er wusste, dass er sie längst im Sack hatte. Er erklärte seinen Plan so nüchtern wie möglich. Dies war die Formel, mit der alle Geschäfte im Valley gemacht wurden: Das Gründerteam, Kapitalbedarf, Zukunftstraum. Seine Zahlen stimmten, auch wenn sie - wie immer im Valley - später mit der Realität nichts zu tun haben würden. Nach oben war viel Luft - das war die Hauptsache. Das, was sie später den Cash Club nennen würden, war in diesem Moment geboren. In Stans Kinderzimmer. Was Brian später dazu verleiten sollte, zu behaupten, dass nicht alles Bahnbrechende im Valley in einer Garage angefangen hatte. Aber auch dazu später mehr.


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CASH CLUB ist auf dem besten Weg der Spitzentitel des Jahres zu werden:  Schon jetzt sind über - Achtung! in Worten: Vierundachtzigtausend - über die Ladentheken gewandert. Und das keine anderthalb Wochen nach Erscheinen! Allerdings gibt es erste Schwierigkeiten bei der flächendeckenden Belieferung des Handels. Aber: Die Druckmaschinen sind bereits gebucht. Das sind doch mal Hammer-Neuigkeiten, oder? :-)